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Faire Integration – Nur wer seine Rechte kennt, kann sie auch durchsetzen

Felix Litschauer

Marta, die philippinische Pflegerin, die vor der Beraterin von Faire Integration sitzt, wirkt sichtlich verzweifelt. Zwei Monate ist es jetzt her, dass sie nach Deutschland kam, um als Pflegekraft zu arbeiten. Schließlich herrsche in Deutschland Fachkräftemangel und ausländische Pfleger*innen würden händeringend gesucht. Doch sie wurde mit unerwarteten Schwierigkeiten konfrontiert. Was ist passiert?

Marta hatte ein klares Ziel: Arbeit in Deutschland. Doch der Weg zu diesem Ziel war gespickt mit zahlreichen Hürden: Visum beantragen, Arbeit finden, Wohnung suchen, Sprachnachweise erbringen. Da klang das Angebot der Vermittlungsagentur auf Facebook vielversprechend: Wir kümmern uns um alles und sobald du Geld verdienst, gibst du uns einen Anteil davon als Vermittlungsgebühr. Marta unterschrieb eine Vollmacht und reiste kurz darauf nach Deutschland. Dort hatte die Vermittlungsagentur einen Arbeitgeber und eine Wohnung für Marta gefunden. Nur: Arbeiten durfte Marta noch nicht. Ihre Ausbildung zur Pflegerin in den Philippinen reichte den deutschen Behörden nicht als Qualifikation. Außerdem konnte sie keine Sprachnachweise vorlegen. Der notwendige Sprachkurs und die Prüfung ihrer Fähigkeiten als Pflegerin kostete viel Geld und Zeit. Beides hatte Marta nicht. Gleichzeitig wurde die Vermittlungsagentur immer ungeduldiger und forderte von Marta schließlich 4.000 € als Aufwandsentschädigung. In ihrer Verzweiflung wandte sich Marta an die Beratungsstelle von Faire Integration.

Für die Berater*innen von Faire Integration ist Martas Situation nicht ungewöhnlich. Immer mehr ausländische Pflegekräfte haben sich in der Vergangenheit an die Beratungsstellen gewandt. Oft ging es dabei um dubiose Methoden von privaten Vermittlungsagenturen. Ratsuchende kommen auch aus anderen Branchen, wie beispielsweise der Leiharbeit. Themen wie nicht gezahlter Lohn, unrechtmäßige Kündigungen und Diskriminierung am Arbeitsplatz stehen auf der Tagesordnung in den bundesweit 26 Beratungsstellen von Faire Integration. In Niedersachsen ist Faire Integration in Hannover und Lüneburg vertreten. Menschen aus nicht-EU-Ländern wenden sich an die Berater*innen, wenn sie arbeits- oder sozialrechtliche Fragen haben und die Berater*innen informieren präventiv über Info-Veranstaltungen. Die Beratung von Faire Integration ist kostenlos, anonym und vielsprachig. Aufgrund der geballten Sprachkompetenz der Berater*innen können Ratsuchende oft in ihrer Herkunftssprache beraten werden. Und sie ist stark gefragt: Im Jahr 2020 erreichten die Berater*innen insgesamt fast 10.000 Beratungsanfragen.

Vor allem in Krisenzeiten wird deutlich: Es sind vor allem Beschäftigte mit Flucht- und Migrationserfahrung, die es besonders hart trifft. Im Zuge der Corona-Pandemie stieg die Arbeitslosigkeit bei ihnen mehr als doppelt so stark wie bei deutschen Arbeitnehmer*innen. Das hängt damit zusammen, dass Migrant*innen häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen tätig sind und geringere Betriebszugehörigkeiten aufweisen. Die Beratungsarbeit zeigt, dass es viele Arbeitgeber*innen gibt, die das fehlende Wissen der migrantischen Beschäftigten über ihre Rechte ausnutzen. Die Aufklärungsarbeit, die von Faire Integration in Bezug auf Arbeitnehmer*innenrechte geleistet wird, ist daher gerade jetzt ein unerlässlicher Beitrag.                                                                    

In der Beratung von Faire Integration wurde Marta über die Hintergründe und das Geschäftsmodell von Vermittlungsagenturen aufgeklärt, die spezifischen Problemlagen in ihrem Fall erörtert und ein gemeinsames Vorgehen abgesprochen. Dieses Vorgehen schaffte Sicherheit und Klarheit für Marta. In enger Zusammenarbeit mit der Anerkennungsberatung aus dem IQ Netzwerk ist es nun gelungen, dass Marta wieder auf dem Weg zur Anerkennung ihres Abschlusses ist.

Die Arbeit von Faire Integration zeigt deutlich die Schattenseiten des deutschen Arbeitsmarktes. Sie zeigt aber auch, welche Auswege es für die Ratsuchenden aus den oft schwierigen Situationen gibt. Kennen die Ratsuchenden ihre Rechte und wissen, wie sie diese durchsetzen können, entstehen Handlungsmöglichkeiten und damit neues Selbstbewusstsein.

Kontakt:

Projektleiter „Support Faire Integration“: Felix Litschauer
E-Mail

 

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