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Interview mit Rainer Bußmann

Rainer Bußmann, seit 2011 Projektleiter des IQ Netzwerks Niedersachsen, wird sich Ende des Jahres zur Ruhe setzen. Mit diesem Interview blickt er auf seine Zeit im IQ Netzwerk Niedersachen zurück, dessen Aufbau er maßgeblich geprägt hat. Er verlässt IQ mit einem gelassenen Gefühl: „Ich bin heilfroh, dass Katrin Köhne und Monika Opitz meine Nachfolge übernehmen, weil ich glaube, dass IQ bei ihnen in den allerbesten Händen ist.“

Im Gespräch mit Şirin Karabulut, die erst im August 2020 ins Team des IQ Netzwerks Niedersachsen gekommen und somit die „neuste“ Mitarbeiterin ist, lässt Rainer Bußmann die vergangenen Jahre Revue passieren und berichtet über seine Zukunftspläne.

1. Was hat dir an deinem Job am meisten Spaß gemacht?

Dass ich mit ganz vielseitigen und interessanten Personen an Zukunftsthemen arbeiten konnte. IQ hat vor 10 Jahren in Niedersachsen ganz klein angefangen. Ich war der erste Mitarbeiter, dann kamen zwei, drei Kolleg*innen dazu, danach die ersten Projekte. Im Laufe der Jahre ist IQ auf bis zu 120 Mitarbeiter*innen niedersachsenweit gewachsen und in der Zeit habe ich unglaublich tolle Menschen kennengelernt, mit denen ich gerne zusammengearbeitet habe. Das war eine echte Bereicherung.

2. Wofür steht IQ für dich? Was ist das Besondere daran?

Neben der Abkürzung „Integration durch Qualifizierung“ ist IQ, glaube ich, „gelebte Solidarität“, indem die Bedürfnisse von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte aus einem Randbereich der Wahrnehmung in das Zentrum gerückt werden und damit ein Ausrufezeichen im Bereich Willkommenskultur gesetzt wird. Ich glaube, dass ist ein ganz wichtiger Punkt, da sich die politische Stimmung in der breiten Öffentlichkeit in den letzten Jahren deutlich verschärft und radikalisiert hat. IQ trägt zur gelebten Willkommenskultur bei, indem es Themen wie „Diversity Management“, „Fachkräftesicherung“ und „Berufsbezogenes Deutsch“ fördert.

3. Welche war die beste Entscheidung in deiner beruflichen Laufbahn?

Die beste Entscheidung in meiner beruflichen Laufbahn war, dass ich mich nach meiner Ausbildung nochmal aufgemacht habe, am Abendgymnasium mein Abitur nachzumachen. Das hat mir einfach unglaublich viele Türen eröffnet, nicht nur für ein Studium, sondern auch weit darüber hinaus. Ich bildete mich im Bereich Arbeitsmarktpolitik aus und über viele Jahre und Jahrzehnte konnte ich in vielen verschiedenen Bereichen wirklich sehr verantwortungsvolle Tätigkeiten übernehmen. Zu Beginn waren es vor allem Projekte für Jugendliche und in den letzten Jahren dann Projekte aus dem Bereich Migration.

Nach meinem Studium bei der Bundesagentur für Arbeit bin ich im Bereich der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung von Jugendlichen eingesetzt worden. Ich habe damals ganz viele Jugendwerkstätten aufgebaut, daraufhin im Bereich der beruflichen Rehabilitation mit Behinderten gearbeitet und bin anschließend bei der Arbeitsagentur für den Bereich der Hochschulabsolventen verantwortlich gewesen. Danach bin ich zum Landkreis gegangen und habe dort ein Jobcenter mitaufgebaut. Im Landkreis Osnabrück hatten wir damals einen sehr hohen Anteil von Arbeitslosen mit migrantischen Wurzeln, es waren die sogenannten Aussiedler*innen. Wir waren damals die Ersten niedersachsenweit, die im Landkreis ein „Kompetenzzentrum Migration“ eröffneten. Dort wurde bereits zur Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen beraten, sprachliche Qualifizierungen aufgebaut und eben auch fachliche Qualifikationen nachgeholt. Dieses Kompetenzzentrum Migration beim Landkreis Osnabrück war der eigentliche Vorläufer des IQ Netzwerks in Niedersachsen.

4. Was würdest du mir als neueste IQ Mitarbeiterin empfehlen?

Ich glaube, du bringst was ganz Entscheidendes mit, nämlich vielleicht den Blick aus einer anderen Perspektive, aus Sicht einer Betroffenen. Ich bringe keine Migrationserfahrung mit, sondern habe nur mit den Menschen gesprochen, die sie hatten. Ebenfalls habe ich selber nie eine Art der Diskriminierung erfahren. Ich habe immer nur mit Leuten gesprochen, die sie selbst erfahren haben. Und ich glaube, dass du - gerade im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit - die Möglichkeit hast, in ganz viele Bereiche einzutauchen. Und ich denke, diese Chance beinhaltet eben auch immer so die eigene Perspektive miteinzubringen. Das ist eine ganz wichtige Grundlage, um eben in diesem Bereich auch einen erfolgreichen Wissenstransfer zu schaffen.

5. Womit verbringst du künftig deine Zeit?

Wenn Corona das Reisen wieder möglich macht, dann werde ich sicherlich in meinem Ursprungsberuf als Physiotherapeut nochmal nach Kambodscha reisen und dort in einer Klinik für Kinder und Jugendliche - die Opfer von Minen geworden sind - medizinische Rehabilitationsarbeit leisten. Ich werde sicherlich auch weiterhin für Kinder ins Krankenhaus gehen und für sie zaubern. Gerade krebskranke Kinder auf andere Ideen und andere Gedanken bringen, sodass sie eben nicht an ihre verlorenen Haare, an ihre Chemotherapie und an die damit verbundenen Schmerzen denken müssen, sondern sie einfach mal für eine Stunde aus ihrem Alltag rausholen. Sowohl die Kinder als auch die Eltern mal zum Lachen zu bringen oder sie zu verblüffen oder zu erstaunen ist ein unglaublich gutes Gefühl.

6. Gibt es etwas, was du rückblickend lieber ändern würdest?

Ich würde mir wünschen, dass man insbesondere den bürokratischen Aufwand im Bereich der Projekte, der ESF-Förderungen deutlich begrenzt und vereinfacht. Wenn man immer im Kopf haben muss, wie man ein Projekt trotz der ESF-Vorschriften umsetzen kann, dann werden Kreativität und Flexibilität beeinträchtigt. Das Ergebnis ist dann nicht unbedingt das, was man sich gewünscht hätte. Der Europäische Sozialfonds bietet viele Möglichkeiten, aber in den letzten Jahren habe ich ihn auch als Hemmnis wahrgenommen. Es ist selbstverständlich, dass wo Geld ausgegeben wird, kontrolliert werden muss, ob alle Vorschriften erfüllt wurden. Aber es sollte auch immer dem Zweck dienen, nämlich die berufliche Integration voranzubringen. Das könnte man vermutlich mit weniger Aufwand realisieren. 

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