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Dokumentation des IQ Fachforums 2022

Gesucht – Gefunden – Geblieben! - Ausländische Fachkräfte als Chance für Niedersachsen

10. Mai 2022

Beim virtuellen IQ Fachforum haben wir zum Thema „Ausländische Fachkräfte als Chance für Niedersachsen“ informiert, Fachimpulse gegeben und konnten durch die Unterstützung zahlreicher Partnerinnen und Partner praktische Erfahrungen präsentieren.

Wir haben auf dieser Seite die wichtigsten Aspekte, Fragen und Erfahrungen für Sie zusammengestellt, die allen Teilnehmenden als kleine Gedächtnisstütze dienen sollen. Wenn Sie darüber hinaus noch Fragen haben, kontaktieren Sie uns einfach!

Ihr Team vom IQ Netzwerk Niedersachsen


Dokumentation der Auftaktveranstaltung
Video-Impuls des Nds. Wirtschaftsministers Dr. Bernd Althusmann

Dr. Bernd Althusmann, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung

Engpass? Engpass! Fachkräftesituation in Niedersachsen

Sarah Pierenkemper, Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA), Institut der deutschen Wirtschaft Köln e. V.


Im Gespräch! Fachkräftesicherung: Wo steht Niedersachsen?

Expert*innen:

Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin, IHK Hannover
Christoph Meinecke, Stellv. Hauptgeschäftsführer, Unternehmerverbände Niedersachsen e. V.
Lars Niggemeyer, Referent für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, DGB-Bezirk Niedersachsen - Bremen - Sachsen-Anhalt
Galina Ortmann, Vorsitzende des Niedersächsischen Integrationsrates (NIR), Vorsitzende der Frauengruppe des NIR

Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann wandte sich mit einer Videobotschaft an die teilnehmenden Unternehmen, verstärkt auf qualifizierte Zuwanderung zu setzen. Mit dem Anerkennungsgesetz und dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz seien arbeitsmarktpolitische Instrumente geschaffen worden, die zum Bürokratieabbau und zur Erleichterung der Verfahren beigetragen hätten. Beim anschließenden fachlichen Austausch mit Einblicken in die betriebliche Praxis wurden Positionen sowie Appelle an Politik und Behörden gerichtet, die Prozesse transparenter und effizienter zu managen, von der Einreise der ausländischen Fachkräfte bis zur sozialräumlichen Integration. Die Erfahrung der Praxis sei, dass Unternehmen eine Fülle zusätzlicher Aufgaben leisten müssen, sobald die rekrutierten Fachkräfte in Deutschland angekommen sind. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind vor allem mit der komplexen Schnittstellenkommunikation der Ämter und Träger überfordert. Sie benötigen professionelle Hilfe, idealerweise als ein verlässliches Verwaltungshandeln aus einer Hand, so die mehrheitliche Meinung.

Kammern und Verbände unterstützten diese Forderungen mit Bezug auf ihre aktuellen Positionspapiere. Maike Bielfeldt, Hauptgeschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Hannover, bekräftigte u.a. die Forderung ihrer Kammer, dem Beispiel anderer Bundesländer zu folgen und eine zentrale Ausländerbehörde in Niedersachsen einzurichten. Dies schone knappe Ressourcen und beschleunige die Verfahren. Christoph Meinecke, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen e.V., verwies auf die noch weitgehend unerschlossenen Vernetzungspotentiale regionaler Akteure und auf die beispielgebende Arbeit des IQ Netzwerkes auf Landesebene. Lars Niggemeyer, Referent für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik beim Deutschen Gewerkschaftsbund Bezirk Niedersachsen/Bremen/Sachsen-Anhalt, und Galina Ortmann, Vorstandsvorsitzende des Niedersächsischen Integrationsrates, erinnerten daran, faire Teilhabechancen zu gewährleisten und konsequenter gegen Vorurteile, Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft vorzugehen. Politik und Unternehmen sollten beim Thema Rekrutierung ausländischer Fach- und Arbeitskräfte nicht diejenigen vergessen, die bereits in Deutschland sind.


Gesichter, Geschichten, Geleistetes – Arbeitgeber und ausländische Fachkräfte berichten
Umut Kus
CEH Gastro GmbH |Cafe Extrablatt | Cafe&Bar Celona | Sissi und Franz | Wirtshaus Hannover

Geschäftsführer


Kammern und Behörde leisteten am Anfang engagierte und kompetente Arbeit im Zuge des beschleunigten Fachkräfteverfahrens. Das bestätigte Umut Kus im Rahmen des IQ Fachforum 2022. Der Gastronom aus Hannover sprach aber nicht nur Lob, sondern auch Sorgen aus. Die Zusammenarbeit mit der IHK funktioniert nach wie vor tadellos, jedoch lassen die Zustimmungen seitens der Ausländerbehörde der Stadt Hannover bis zu sechs Monaten auf sich warten. Das verursacht hohe Kosten und bittere Enttäuschungen bei den Bewerbern.


Umut Kus kam als Abiturient aus der Türkei, studierte in Deutschland und unterhält heute bundesweit zahlreiche Cafés sowie weitere Gastronomiebetriebe, in denen mehrere hundert Fachkräfte beschäftigt bzw. ausgebildet werden. Etliche von ihnen rekrutierte der Unternehmer aus seinem Heimatland Türkei, weil in Deutschland kaum noch motiviertes Personal zu finden sei. Die Unterstützung von Kammern und Behörden sei vorhanden und am Anfang gut gewesen, aber die aktuelle Bearbeitungszeit der Anträge bei der Ausländerbehörde sei inakzeptabel. Trotz den zügig erteilten Anerkennungen seitens der IHK, sei man auf die sogenannte Vorabzustimmung der Ausländerbehörde angewiesen, worauf er teilweise mehr als sechs Monate warten müsse. Die Sorge, die hochmotivierten und qualifizierten Bewerber zu verlieren, sei groß.


Die Idee, Fachkräfte aus der Türkei nach Deutschland zu holen, kam mir während des Lock-Downs im März 2020. Damals wusste ich noch nichts vom Anerkennungs- und Fachkräfteeinwanderungsgesetz und vom beschleunigten Fachkräfteverfahren. Heute nutzt mein Team intensiv all diese Instrumente. 26 neue Mitarbeitende aus der Türkei haben wir auf diesem Wege rekrutiert, junge Leute im Alter von 21 bis 25 Jahren. Der erste kam im Mai 2021. Anfangs lagen nur etwa zweieinhalb Monate zwischen dem ersten Kontakt und dem ersten Arbeitstag in Deutschland. Ankommen und Integration haben wir eng begleitet - von der Einreise bis zum betrieblichen Onboarding und darüber hinaus, weil sich Ausländer*innen in Deutschland alleine nicht leicht zurechtfinden. Ich beschäftige daher nicht nur ausländische Mitarbeitende, ich vermittele ihnen auch Wohnungen, weil Wohnraum auf dem freien Markt knapp ist und es noch viele Vorbehalte gegen neue Berufseinsteiger gibt, die ihr Ankommen in der neuen Heimat erschweren.

Wer es geschafft hat, zieht andere nach, denn gute Erfahrungen schaffen Vertrauen bei Familie, Freunden und Bekannten. Auch setze ich auf meine sicheren und verlässlichen Quellen im Ausland. Ich teile meine Erfahrungen gerne und freue mich über das Interesse anderer Unternehmen an meinen Lösungen. Aber ich erkenne auch die Überforderung und Sorgen vieler Kolleg*innen. Wo findet man Fachkräfte im Ausland? Wie überwindet man die Sprachbarrieren? Wie kurzfristig gelingt die Integration in die Arbeitswelt in Deutschland? Die Angst, in diesem sehr aufwändigen Verfahren zu scheitern, ist riesig. Tatsache ist, dass die Integration eines ausländischen Mitarbeitenden schneller über ein professionelles Fallmanagement gelingt, das weit über das Anerkennungsverfahren und den Spracherwerb hinausgeht und verlässlich aus einer Hand betreut wird.

Die Zusammenarbeit mit der IHK Hannover als zuständiger Stelle für die Anerkennung und mit der Ausländerbehörde Hannover für das beschleunigte Fachkräfteverfahren habe ich am Anfang als sehr engagiert und kompetent erlebt. Aber die inzwischen verzögerten Bearbeitungszeiten bei der Ausländerbehörde werden zunehmend zum Problem. 15 von 50 potentiellen Fachkräften sind unlängst abgesprungen, weil ihnen monatelang keine behördliche Vorabzustimmung erteilt wurde. Wir enttäuschen Bewerber*innen und wir enttäuschen Kolleg*innen und bleiben auf entstandenen Kosten sitzen.

Cafe Extrablatt

Christoph Pöhner

Revita Hotel

Restaurantdirektor


Christoph Pöhner ist Restaurantdirektor des Revita Hotels. Das 5-Sterne-Haus im Südharz stellte sich dem anhaltenden Fachkräftemangel mit neuen Ideen und Eigeninitiative. 2018 rekrutierte der Fachmann kurzerhand Auszubildende aus Indonesien.


Nachwuchskräfte aus Indonesien in den Harz holen. Skeptiker warnten ihn, aber Christoph Pöhner ließ sich nicht beirren. Der engagierte Restaurantdirektor des 5-Sterne-Hotels Revita bewies Mut, Offenheit und viel persönlichen Einsatz, der sich am Ende auszahlte.


"Wir hatten uns zwar gut vorbereitet auf unsere zehn neuen Auszubildenden aus Indonesien, aber dennoch war das erste Jahr nach ihrer Ankunft ein 24-Stunden-Job. Die Deutschkurse in Indonesien reichten leider nicht und das berufliche Deutsch ist ohnehin schwierig. Wir engagierten erst einmal einen Deutschlehrer für die berufsbezogene Sprachvermittlung. Aber es gab auch andere Lernbereiche zu meistern wie bspw. Pünktlichkeit. Nach deutschen Maßstäben ist man kurz vor einem Termin da, nicht später. Pünktlichkeit wird von Land zu Land aber unterschiedlich gelebt. Wir haben lernen müssen, Aspekte wie diese zu berücksichtigen und kultursensibel zu arbeiten. Sonst wären wir gescheitert.

Der Einsatz hat sich für uns gelohnt. Unsere indonesischen Auszubildenden haben ihre Prüfungen mit Bestnoten abgeschlossen. Ich bin überzeugt, dass wir keine Angst haben müssen vor neuen, fremden Kulturen. Jammern über den Fachkräftemangel bringt nichts, wir müssen offener werden. Lasst uns die Gastronomie und Hotellerie einfach bunter machen."

Revita Hotel

Ralf Brenneke
Hannover Congress Centrum

Geschäftsbereichsleiter Technik


Das Hannover Congress Centrum (HCC) ist eines der größten messeunabhängigen Kongress- und Veranstaltungszentren Deutschlands. Kunden und Gäste sind ebenso international wie die Belegschaft des Unternehmens, in dem Mitarbeitende verschiedenster Nationalität arbeiten. Vielfalt sei immer eine Bereicherung, sagt Ralf Brenneke, technischer Leiter des HCC, aber die Regelsysteme bilden dies nicht genügend ab.


Die Kommunikation mit den Ämtern ist kompliziert und kostet zu viel Zeit“, antwortet Ralf Brenneke auf die Frage zur Beschäftigung ausländischer Mitarbeitender in seinem Unternehmen. Der technische Leiter des Hannover Congress Centrums HCC appellierte beim IQ Fachforum 2022 daher an Politik und Verwaltungen für ein verlässliches Verwaltungshandeln aus einer Hand.


"Ganz klar: Unsere ausländischen Mitarbeitenden sind eine Bereicherung für unser Unternehmen. Sprache und Kundenkommunikation sind eine Herausforderung, aber im technischen Bereich auch die digitalen Fortschritte und die deutschen Normen und Standards. Die begleitenden Qualifizierungsmaßnahmen von JobCenter und IQ Netzwerk haben den Prozess enorm erleichtert. Integrationsarbeit bedeutet Mehrarbeit für alle, für die Gesellschaft, für den Betrieb und natürlich für den ausländischen Mitarbeitenden selbst, der eine neue Sprache lernen und sich in unserer hochtechnisierten Arbeitswelt zurechtfinden muss. Diese Leistung verdient nicht nur Respekt, sondern unsere volle Unterstützung. Wir haben in der Einstiegsphase mit Praktika gute Erfahrungen gemacht. Das monatliche Entgelt wurde vom JobCenter sogar aufgestockt. Das alles klappt sehr gut. Aber die Kommunikation mit den einzelnen Ämtern ist oft schwierig. Bis wir das Verfahren verstanden hatten, ist viel kostbare Zeit verstrichen. Es fehlt einfach an Transparenz. Eine verlässliche Anlaufstelle in Verbindung mit einem professionellen Fallmanagement wäre eine effektive Lösung und wertschätzend gegenüber den Menschen, die zu uns kommen."

Hannover Congress Centrum

Heike Hilmer-Börner

Hilmer GmbH CNC-Technik

Personalmanagerin


Seit über 30 Jahren bietet die Hilmer GmbH CNC-Technik, mit Sitz in Hannover, kundenindividuell gefertigte Präzisionsteile nach Maß. Aus Sicht der Personalmanagerin Heike Hilmer-Börner, sei der Tätigkeitsbereich Fluch und Segen zugleich, der sich zwar als abwechslungsreiche Herausforderung für Mitarbeitende darstellt, das spezifische Anforderungsprofil jedoch die Suche nach neuen Fachkräften erschwere. Und die wurden über alle gängigen Kanäle gesucht, mit einer kaum spürbaren Resonanz auf die ausgeschriebene Stelle. Doch dann erreichte sie die Bewerbung einer Fachkraft, die sich zum Bewerbungszeitpunkt noch im Herkunftsland Tunesien aufhielt. Und die Erfolgsstory nahm ihren Lauf.


Der Videocall lief gut, sein Englisch war gut, die Sympathie war da, er konnte fachlich überzeugen und war vor allem hoch motiviert“, berichtete Heike Hilmer-Börner von der ersten Kontaktaufnahme nach Tunesien. Nach dem ersten Kennenlernen entstanden zunächst viele Fragen. Wie läuft der Prozess ab? Welche aufenthaltsrechtlichen Bestimmungen gibt es? Wie gehen wir mit sprachlichen Hürden um? Viele dieser Fragen wurden schnell gelöst. Aber es fehlte an fachlicher Begleitung in zentralen organisatorischen Fragen.


Über die Agentur für Arbeit kam im Oktober 2021 der erste Kontakt zum IQ Netzwerk Niedersachsen zustande. Mithilfe kompetenter und ausführlicher Beratung bspw. zum beschleunigten Fachkräfteverfahren und schneller Informationen von Seiten der Servicestelle Fachkräftesicherung hatten wir in kürzester Zeit die Einreise und Arbeitsaufnahme der tunesischen Fachkraft geregelt. Die Probezeit haben wir etwas verlängert von drei auf sechs Monate, weil wir allen Beteiligten genügend Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen geben wollten. Innerhalb von nur zwei Monaten (Dezember) wurde das Visum erteilt. Erster Arbeitstag war dann der 1. Februar 2022. Jetzt konzentrieren wir uns ganz auf die betriebliche Integration. Man kann sagen, dass es ein dosiertes Ankommen mit Happy End war. Das beschleunigte Fachkräfteverfahren hat zwar super funktioniert, aber mit allen administrativen und organisatorischen Dingen, die bei Einreise und Ankunft des neuen Mitarbeiters anfallen, standen wir völlig alleine da. Wir hatten überhaupt keine Hilfestellungen. Wir haben aus den Schwierigkeiten gelernt, dass Unterkunft und Sprachkurse zentrale Kriterien sind, damit ein ausländischer Mitarbeiter schnell Fuß fassen kann. Die Sorge vieler Unternehmen, an organisatorischen Aufgaben wie diesen zu scheitern, dürfte ein echter Hemmschuh sein, es überhaupt im Ausland zu versuchen.

Hilmer GmbH CNC-Technik

 

Impressionen des Fachforums
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